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Frühere Jahrgänge des Kollegs waren u.a. den Themen "Evolution des Gehirns – Realität des Geistes - Biologische und kulturelle Grundlagen menschlichen Denkens", "Kosmologie – Evolution – Geschichte - Der Zusammenhang von Welt, Mensch und Kultur im Streit der Wissenschaften", "Sprache und Kognition - Sprache als Schnittstelle zwischen natürlicher und kultureller Evolution", "Der Mensch das soziale Tier - Anthropologie im Spannungsfeld von Evolution, Geschichte und Kultur", "Kognition - Sprache - Sozialität - Zur Verflechtung von kultureller und biologischer Evolution", "Raum und Zeit", "Disembodied Cognition? Forschungen im Spannungsfeld von menschlicher und künstlicher Intelligenz", "Wahrnehmung", "Dimensionen von Sprache - Struktur, Evolution, Dichtung" und Wahrheit und Wissenschaft" gewidmet.
Das Tübinger Forum für Wissenschaftskulturen am FORUM SCIENTIARUM führt ein zweisemestriges Studienkolleg durch. Ausgewählte Studierende und Doktorand(inn)en aller Fachrichtungen durchlaufen ein Seminar- und Vortragsprogramm und arbeiten in kleinen Teams an eigenen Forschungsprojekten.
Das Studienkolleg wird von der Udo Keller Stiftung Forum Humanum durch zusätzliche Programmmittel unterstützt.
Das aktuelle Studienkolleg (Oktober 2025 bis Juli 2026) ist bereits der neunzehnte Jahrgang. Das Thema lautet:
Was wir als Signal und was wir als Rauschen verstehen, prägt, wie wir die Welt wahrnehmen und strukturieren. Damit konstituiert diese Unterscheidung unser grundlegendes Verständnis der Welt – und damit auch unsere Art, mit ihr zu interagieren. Doch was genau gilt als Signal? Und was als Rauschen? Was bedeutet diese Unterscheidung? Bemerkenswert ist der (Bedeutungs-)Wandel, den der Begriff des Rauschens zu Beginn 20. Jahrhundert durchlaufen hat: Im 19. Jahrhundert als „lärmendes Geräusch“ verstanden, entwickelte er sich nun zur Bezeichnung für fehlerhafte Signale, Störungen in Nachrichten und Informationsflüssen. Rauschen wurde so zum Synonym für Fehler, Abweichung und zufälliger Schwankung, die alle Arten von Signalen, Nachrichten und Informationen betreffen.
Unabhängig davon, ob wir Signal und Rauschen als akustisches, wissenschaftlich-technisches, oder kommunikatives Phänomen betrachten, fällt auf, dass es sich dabei um relative Kategorien handelt: Signal und Rauschen werden erst durch ihre Beziehung zueinander bestimmt. Auch fällt auf, dass die Begriffe gewöhnlich mit Wertungen versehen sind: Das Signal ist Signal, weil es klar und bedeutungsvoll erscheint; Rauschen hingegen ist unklar und vage, eine Störung des Signals.
Diese Wertungen können das Anzweifeln der Einteilung in Signal und Rauschen zu einem gewagten oder sogar gefährlichen Unterfangen machen. Wird das Rauschen als alternatives Signal und Botschaft verstanden, so beansprucht es, bedeutungsvoll zu sein und stellt die bis dahin uneingeschränkte Deutungshoheit des Signals in Frage. Ein gutes Beispiel für ein solches transgressives Phänomen ist der Jazz des angehenden 20. Jahrhunderts, der als unzivilisierter Lärm beschrieben und beschimpft die (vermeintliche) Ordnung von Signal und Rauschen in Frage stellt. Es forderte die europäisch-klassische Musiktradition heraus und konkurrierte mit deren Autonomie über die Deutung der in der Musik gesandten Signale. Die Erkennbarkeit der Differenz zwischen Rauschen oder Signal setzt immer schon eine Beobachtungsperspektive voraus. Die gesellschaftliche Reaktion auf das „Rauschen“ außerhalb der akzeptierten Klangordnung zeigt daher die normative Dimension der Grenzziehung und den Einfluss der Grenzziehenden auf.
Zurückkommend auf die zentrale Frage, worin die Unterscheidung zwischen Signal und Rauschen eigentlich besteht, lautet also eine Vermutung: Sie ist eine Konvention, weshalb es sich nicht nur lohnt zu fragen, wie diese Unterscheidung eingeführt wird, sondern auch, wer festsetzt, was als Signal und was als Rauschen gilt.
Die Elemente des Programms im Einzelnen: